Philharmonie/Salonen: Gurrelieder-Rezension – Terror, Verachtung und exquisiter Exzess

Die Philharmonie-Saison endete mit einer Aufführung von Gurrelieder unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen. Wenn auch in dieser speziellen Aufführung teilweise ungleichmäßig gesungen wurde, gilt Schönbergs immense Kantate als das ultimative Statement der Postromantik. Es ist ein morbid-erotisches, im Wagnerismus gesättigtes Werk.

Schoenberg jedoch brach die Komposition nach Abschluss des zweiten seiner drei Teile ab und nahm die Arbeit an der Partitur erst wieder auf, nachdem er die neue musikalische Sprache geschmiedet hatte, welche die Parameter der Moderne bestimmte. Der letzte Abschnitt blickt folglich sowohl nach vorne als auch nach hinten, da die Wilde Jagd des Sommerwindes den Wagner’schen Apparat einem Prozess zunehmender Fragmentierung unterwirft, bevor der Chor zum Ende der Aufführung kraftvoll und dynamisch eine neue Dämmerung einläutet.

Salonen unterstrich die zentrale Natur des Werkes, indem er in seinem romantischen Überfluss schwelgte, während er seine Auflösung aufzeichnete. Große Klangflächen wichen Texturen von exquisiter Transparenz. Die Aufführung zeichnete sich durch tiefe Sinnlichkeit in den Liebesszenen aus. Es gelang dem Ensemble zudem, einen spannenden Schrecken in der gespenstischen Fahrt von Waldemar und seinen Männern zu erzeugen. Es zeigte sich wieder einmal, dass sich Salonens Liebe zum Detail auszahlt, denn die mit den Liebenden verbundenen Themen werden in den ewigen Fluss der Natur aufgenommen, während der Sommerwind die Vergangenheit verweht.

Robert Dean Smith und Camilla Tilling in den Hauptrollen spielten Waldemar und Tove. Die Stimme von Smith war sauber und klar, klang allerdings durchweg unbeteiligt. Tilling hingegen war begeistert von ihrer ekstatischen Beschwörung des “Todes, des Wiederbelebers der Schönheit”. Michelle DeYoungs deklamatorische Waldtaube war mehr Vorbote des Untergangs als Stimme der Trauer. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke zeigte in der Aufführung alle Ironie und Verachtung, die einen Narr ausgezeichnet. David Soar war der leichtgläubige Bauer, Barbara Sukowa die lebendige Erzählerin.

Der Chorgesang der Philharmonia Voices und der Chöre der vier Londoner Musikhochschulen wurde mit großer Leidenschaft und Kraft vorgetragen.